Was beim Heli-Skiing in Russland nicht anders ist als in Alaska oder Japan: das erhebende Gefühl nach dem Absetzen, wenn der Hubschrauber Richtung Tal verschwindet. Unberührte, einschüchternde Natur. Die letzten Filmcrews in Kamtschatka mussten bis zu 100 Kilometer weit fliegen, um halbwegs fahrbare Abfahrten zu finden, aber diese Woche ist der Schnee so reichlich und frisch, dass die Auswahl eher zu groß ist.
Oben angekommen, verhalten sich Bene und Sven wie Windhunde vor dem Start – aufgedreht, ungeduldig. Der Fotograf lässt sie von der Leine: die erste Fahrt ist zum Reinkommen, Motivsuche dann später. Er hört die Freudenschreie der beiden langsam leiser werden: 30 bis 40 Zentimeter Neuschnee, die beiden ziehen ihre ersten Spuren in den nicht enden wollenden Hang, springen über kleine Felsen, schießen enge, aber nie zu steile Rinnen hinab, ziehen Turns in Schneewechten. Erstes Fazit unten: Wow! Euphorie kommt auf: Selbst wenn das Wetter noch drehen sollte, sind drei perfekte Tage mindestens drin.
TAG 4: PLÖTZLICH HUSKEYS
Das Tagesziel: Freeriden mit dem Blick aufs Meer und dem Gefühl, direkt ins Wasser zu carven. Der Hang, den die Tourguides empfehlen, ist für Kamtschatka ziemlich steil und wohl die längste durchgängige Abfahrt, die Bene und Sven je gefahren sind. Unten angekommen, rufen sie den Hubschrauber per Funkgerät, Handys haben hier keinen Empfang.
Dann steht man da im Schnee im Nirgendwo und muss unweigerlich an die Braunbären denken. Plötzlich bellt es. Aus dem Nichts tauchen zwei Huskys auf, kein Halsband, kein Besitzer weit und breit. Bis der Helikopter kommt, streicheln wir sie und spielen mit ihnen – so ein dickes Fell hat kein deutscher Hund. Der Helikopter landet. Die anfängliche Skepsis über die stürmischen Piloten ist tiefer Zuneigung gewichen – das liegt auch an der heißen Suppe, die es an Bord gibt. Wir bauen einen großen Holztisch im Schnee auf, dann gibt es Borschtsch, die klassische russische Suppe mit roter Bete, Dill und Schmand. Unschlagbar nach langen kalten Abfahrten!
TAG 5: MOBIL IM SCHNEE
Der Helikopter hebt nicht ab, heute sind alle mit Schneemobilen unterwegs, es geht zu einem zugefrorenen Wasserfall in der Nähe. Wie sich zeigt: einer der absoluten Höhepunkte der Reise. Gashebel durchdrücken und den Berg hoch, dann mit Skiern wieder runter.
Die Hänge sind nahe am Camp, dahinter öffnet sich noch einmal ein anderes Gebiet und noch eins – endloses Kamtschatka. Sven und Bene beschließen, dass sie noch einmal nach Kamtschatka reisen möchten, aber dann im Sommer. Wenn es blüht und die Wildnis hier, die sie so begeistert, wieder ganz anders aussieht.
TAG 7: ENDLICH NETZ
Ein Tag Pause. Die Ski bleiben im Abstellraum, draußen ist es erstmals bewölkt, und die Beine sind müde. Im Camp im Nirgendwo gibt es WLAN, Arbeitsmails statt Abfahrt.
Diese Reise fühlt sich anders an als früher, merken Sven und Bene. Die Wertschätzung, das alles hier erleben zu können, ist in den Dreißigern viel größer als früher, wo sich ein Skitrip an den nächsten reihte, die Länder am Bewusstsein vorbeiflogen. Kamtschatka ist der Höhepunkt des Jahres. Was die beiden noch nicht wissen können: Es ist der letzte richtige Skitrip für beide – der Lockdown legt nach der Rückkehr alles lahm.
TAG 8: NUR NICHT FALLEN!
Der sportlich härteste Tag. Backflips über Felsen, weiter mit Flat Spins – klappt alles noch gut. Location-Suche, neue Kicker bauen – wie damals. Es geht noch einmal die Rückseite eines Vulkans hinunter, ziemlich steil. Leichter Übermut kommt auf: einfach laufen lassen, an die 100 Stundenkilometer schnell.
Dann plötzlich, und viel zu spät zu sehen: eisige Stellen durchziehen den Schnee. Die beiden rasen drüber, jetzt nur nicht stürzen, scharfkantige Vulkanfelsen links und rechts, die Knie werden hart durchgeschüttelt. Später wird hier ein schwedischer Freerider hart stürzen und sich schwer am Knie verletzen. Die beiden Münchner brauchen alle Erfahrung, die ihnen dreißig Jahre auf Skiern geschenkt haben, dann wird der Schnee wieder weicher und kontrollierbar.
Es kommt, was immer kommt: der letzte Run der Reise. Gefühlt 2000 Höhenmeter bei Sonnenuntergang, sensationelles Licht, der Schnee glitzert dunkelorange, das Meer in der Ferne dunkelblau. Stilles, glückliches Dahingleiten, nur der Schnee und der Fahrtwind machen Geräusche.
TAG 9: AUFTRITT DES RIESEN
Rückreise nach Petropawlowsk, abends Königskrabben essen, das beste Essen der Reise. Außer man ist Vegetarier wie Sven. Abends noch etwas Nachtleben, die Frauen tragen bei Minusgraden zu kurze Röcke, die Männer oft Camouflage, Wodka trinken alle zu viel.
Seltsam aggressive Stimmung. Ein betrunkener Riese hat grundlos ein Problem mit Bene. Er wankt auf ihn zu, wird aber, unmittelbar bevor er zuschlägt, von einem anderen Einheimischen ohne Anlass umgerammt – ein Schlag, und der Typ geht k.o. Keiner hebt ihn auf, keiner wundert sich. Zeit zu gehen.
TAG 10: LANDUNG DAHOAM
Landung in München. Sven und Bene fällt es schwer, die Reise unter all ihren früheren Skitouren einzuordnen. Sie sind bewusst ohne große Erwartungen hingefahren, doch dann hat Kamtschatka jede Erwartung übertroffen. Günstig war es und unberührt, dazu skifahrtechnisch absolut machbar. Klassischer Geheimtipp. Aber eben auch wild und damit nicht ungefährlich. Kurz: alles, was ein Abenteuer braucht.