EINE REISE IN DAS LAND VON FEUER UND EIS

Wir waren mit Bene Mayr und Sven Küenle an der wilden Ostküste Russlands, um nach rauchenden Vulkanen, klaren Linien und wahrer Wildnis zu suchen. Und Wodka! Ein Tagebuch voller Abenteuer.

Bene Mayr, 31, und Sven Küenle, 37, bauen sich in München gerade ihr zweites Leben nach mehr als einem Jahrzehnt als Szene-Nomaden auf. Aber die beiden sind noch genug Freerider, um sofort begeistert „Ja!“ zu rufen und Anfang dieses Jahres Platz im Kalender freizuschaufeln, wenn sie für ein Shooting auf einen zehntägigen Heli-Ski-Trip fahren können – zumal nach Kamtschatka: eine Halbinsel größer als Deutschland, zwischen Beringsee und Nordpazifik. Tiefstes Russland, wo man im harten Winter jagen geht, aber weder beheizte 6er-Sessellifte noch Skihüttengemütlichkeit kennt. Das Reiseziel ist selbst für erfahrene Freerider ein ungewohnter Zungenbrecher: Petropawlowsk-Kamtschatski in der Awatscha-Bucht.

TAG 1: RUPPIGES WILLKOMMEN

Nach zehn Stunden Flug über Moskau bis nach Petropawlowsk kriegt Sven zur Begrüßung einen Gepäckwagen in die Hacken – offenbar die russische Version von „Könnten Sie bitte kurz zur Seite gehen?“
Verstanden, in Petropawlowsk mag man es ein bisschen ruppiger, wie die Münchner am letzten Abend dieser Reise noch einmal merken werden. Sehr freundlich ist dagegen der örtliche Wetterbericht: Die letzten Tage hat es geschneit, die Bedingungen auf den Bergen müssten ideal sein, und die Vorhersage ist mit Sonne und kaum Wind ein Traum. Leicht humpelnd geht es vom Gepäckband Richtung Bett. Das Hotel heißt „Dolce Vita“.

TAG 2: MIT POLKA IN DIE BERGE

Der erste Eindruck bei Tageslicht: Was für eine irre hässliche Stadt! Und was für eine verdammt schöne Natur rundherum. Je nach Standort und Himmelsrichtung sieht man in Petropawlowsk entweder trostlose Plattenbauten und rostende Werften – oder schneebedeckte Berge und das in der Morgensonne glitzernde Meer.
Die 180.000-Einwohner-Stadt ist Stützpunkt der russischen Pazifikflotte. Mayr und Küenle kämpfen mit der ungewohnten Zeitzone und fiesem Jetlag. Sie steuern eine orthodoxe Kirche mit goldenen Dächern an und den Fischmarkt mit unglaublich günstigem Kaviar und Riesenkrabben. Dann geht es Richtung Berge, die einzige Straße dorthin schafft nur ein fettes, sechsrädriges Expeditionsmobil. Das hat auch noch Platz für eine Gruppe russischer Skifahrer, die wie der Rest der Stadt kein Problem mit der Erfüllung von Klischees hat: Sie hören laut Polka, trinken viel Wodka und fordern sechsmal einen Stopp für Klopausen.

Es ist Nachmittag, als wir im Camp am Fuße der Berge ankommen. Weit verstreute Blockhäuser im Nirgendwo. Fürs Skifahren ist es schon zu spät, dafür planen wir die nächsten Tage. Rund 160 Vulkane gibt es in Kamtschatka, zuverlässig eingeschneit, oft mit perfekter 30- bis 40-Grad-Neigung und sehr langen Abfahrten. Strenge Vorschriften wie in Europa gibt es hier nicht, jeder kann machen, was er will. Der Wilde Osten des Heli-Skiing. Aber alles auf eigenes Risiko: Vor einigen Wochen wurde ein Fotograf von einer Lawine verschüttet. Als Tagesabschluss geht es in einen der Pools, in die Wasser aus natürlichen heißen Quellen umgeleitet wird. Luxusproblem: Im ganzen Camp gibt es nur warmes Wasser – und wer duscht, hat danach einen Schwefelfilm auf der Haut.

TAG 3: FREUDENSCHREIE

Die russischen Guides haben einen Berg ausgesucht, sie sind allesamt Snowboarder, die schon mit Freeride-Legenden wie Travis Rice unterwegs waren – und alle extrem gut fahren, wie sich zeigt.
Ein kleiner und zwei riesige Ex-Militär-Hubschrauber stehen im Camp bereit. Die großen Helikopter brauchen drei Mann Besatzung, um fliegen zu können, alles ehemalige Soldaten. Wer die umsichtigen, filigranen Flugmanöver von Schweizer oder nordamerikanischen Heli-Ski-Piloten gewohnt ist, erschrickt zuerst einmal, wie furchtlos Russen die Gipfel anfliegen. Es geht extrem hektisch und laut zu. Bene Mayr macht uns Mut: Wenn die in echt anspruchsvollen Gebieten so rasant landen, müssen sie wissen, was sie tun.
Was beim Heli-Skiing in Russland nicht anders ist als in Alaska oder Japan: das erhebende Gefühl nach dem Absetzen, wenn der Hubschrauber Richtung Tal verschwindet. Unberührte, einschüchternde Natur. Die letzten Filmcrews in Kamtschatka mussten bis zu 100 Kilometer weit fliegen, um halbwegs fahrbare Abfahrten zu finden, aber diese Woche ist der Schnee so reichlich und frisch, dass die Auswahl eher zu groß ist.
Oben angekommen, verhalten sich Bene und Sven wie Windhunde vor dem Start – aufgedreht, ungeduldig. Der Fotograf lässt sie von der Leine: die erste Fahrt ist zum Reinkommen, Motivsuche dann später. Er hört die Freudenschreie der beiden langsam leiser werden: 30 bis 40 Zentimeter Neuschnee, die beiden ziehen ihre ersten Spuren in den nicht enden wollenden Hang, springen über kleine Felsen, schießen enge, aber nie zu steile Rinnen hinab, ziehen Turns in Schneewechten. Erstes Fazit unten: Wow! Euphorie kommt auf: Selbst wenn das Wetter noch drehen sollte, sind drei perfekte Tage mindestens drin.

TAG 4: PLÖTZLICH HUSKEYS

Das Tagesziel: Freeriden mit dem Blick aufs Meer und dem Gefühl, direkt ins Wasser zu carven. Der Hang, den die Tourguides empfehlen, ist für Kamtschatka ziemlich steil und wohl die längste durchgängige Abfahrt, die Bene und Sven je gefahren sind. Unten angekommen, rufen sie den Hubschrauber per Funkgerät, Handys haben hier keinen Empfang.
Dann steht man da im Schnee im Nirgendwo und muss unweigerlich an die Braunbären denken. Plötzlich bellt es. Aus dem Nichts tauchen zwei Huskys auf, kein Halsband, kein Besitzer weit und breit. Bis der Helikopter kommt, streicheln wir sie und spielen mit ihnen – so ein dickes Fell hat kein deutscher Hund. Der Helikopter landet. Die anfängliche Skepsis über die stürmischen Piloten ist tiefer Zuneigung gewichen – das liegt auch an der heißen Suppe, die es an Bord gibt. Wir bauen einen großen Holztisch im Schnee auf, dann gibt es Borschtsch, die klassische russische Suppe mit roter Bete, Dill und Schmand. Unschlagbar nach langen kalten Abfahrten!

TAG 5: MOBIL IM SCHNEE

Der Helikopter hebt nicht ab, heute sind alle mit Schneemobilen unterwegs, es geht zu einem zugefrorenen Wasserfall in der Nähe. Wie sich zeigt: einer der absoluten Höhepunkte der Reise. Gashebel durchdrücken und den Berg hoch, dann mit Skiern wieder runter.
Die Hänge sind nahe am Camp, dahinter öffnet sich noch einmal ein anderes Gebiet und noch eins – endloses Kamtschatka. Sven und Bene beschließen, dass sie noch einmal nach Kamtschatka reisen möchten, aber dann im Sommer. Wenn es blüht und die Wildnis hier, die sie so begeistert, wieder ganz anders aussieht.

TAG 6: SCHRITTE AM KRATER

Himmel und Hölle. Vom Vulkankrater bis runter zum Strand. Es kommt nur alle fünf Jahre einmal vor, erzählt man uns, dass man die Vulkane bis zum Krater hin befahren kann – und heute ist so ein seltener Tag.
Der Hubschrauber setzt das Team am Gipfel ab, diesmal merklich mit Ehrfurcht, dann geht es mit Skiern runter. Dorthin, wo vor Jahrtausenden der Berg im Lavadruck explodierte und tiefe Krater-Narben blieben. Die Vulkane hier sind immer noch aktiv, aber nicht mehr die Feuerschlunde von einst. Heißer Dampf schmilzt heute runde Löcher in die Schneedecke: Rundherum gelber Schwefel, aus dem Erdinneren steigen Dampfwolken auf. Es zischt wie die Turbinen eines Flugzeugs. Ein bedrückender Schwefelgeruch begleitet jeden Atemzug, die Erde ist fast gummiartig, die Schritte in Skistiefeln fühlen sich an wie auf einer aufgeblasenen Hüpfburg. Wie Skifahren in Mordor.
Als unten alles verstaut ist, fiegt der Hubschrauber nur wenige Kilometer weiter – es gibt Mittagessen am Meer. Mit Skischuhen stapfen Sven und Bene durch den nassen Sand, laufen wie Kinder lachend vor den ans Ufer schwappenden Wellen davon. Der Heli steigt nach dem Essen wieder auf und fliegt über das Meer davon, mit geöffneten Seitentüren – freier Blick und Fahrtwind über hellgrünem Wasser, das sich immer dunkler und blauer färbt.

TAG 7: ENDLICH NETZ

Ein Tag Pause. Die Ski bleiben im Abstellraum, draußen ist es erstmals bewölkt, und die Beine sind müde. Im Camp im Nirgendwo gibt es WLAN, Arbeitsmails statt Abfahrt.
Diese Reise fühlt sich anders an als früher, merken Sven und Bene. Die Wertschätzung, das alles hier erleben zu können, ist in den Dreißigern viel größer als früher, wo sich ein Skitrip an den nächsten reihte, die Länder am Bewusstsein vorbeiflogen. Kamtschatka ist der Höhepunkt des Jahres. Was die beiden noch nicht wissen können: Es ist der letzte richtige Skitrip für beide – der Lockdown legt nach der Rückkehr alles lahm.

TAG 8: NUR NICHT FALLEN!

Der sportlich härteste Tag. Backflips über Felsen, weiter mit Flat Spins – klappt alles noch gut. Location-Suche, neue Kicker bauen – wie damals. Es geht noch einmal die Rückseite eines Vulkans hinunter, ziemlich steil. Leichter Übermut kommt auf: einfach laufen lassen, an die 100 Stundenkilometer schnell.
Dann plötzlich, und viel zu spät zu sehen: eisige Stellen durchziehen den Schnee. Die beiden rasen drüber, jetzt nur nicht stürzen, scharfkantige Vulkanfelsen links und rechts, die Knie werden hart durchgeschüttelt. Später wird hier ein schwedischer Freerider hart stürzen und sich schwer am Knie verletzen. Die beiden Münchner brauchen alle Erfahrung, die ihnen dreißig Jahre auf Skiern geschenkt haben, dann wird der Schnee wieder weicher und kontrollierbar.
Es kommt, was immer kommt: der letzte Run der Reise. Gefühlt 2000 Höhenmeter bei Sonnenuntergang, sensationelles Licht, der Schnee glitzert dunkelorange, das Meer in der Ferne dunkelblau. Stilles, glückliches Dahingleiten, nur der Schnee und der Fahrtwind machen Geräusche.
Unten angekommen, umarmen sie sich, breitestes Grinsen. Besser kann eine letzte Fahrt nicht sein. Dann aber los, der Heli muss spätestens eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang zurück im Camp sein, die Nacht bricht herein.

TAG 9: AUFTRITT DES RIESEN

Rückreise nach Petropawlowsk, abends Königskrabben essen, das beste Essen der Reise. Außer man ist Vegetarier wie Sven. Abends noch etwas Nachtleben, die Frauen tragen bei Minusgraden zu kurze Röcke, die Männer oft Camouflage, Wodka trinken alle zu viel.
Seltsam aggressive Stimmung. Ein betrunkener Riese hat grundlos ein Problem mit Bene. Er wankt auf ihn zu, wird aber, unmittelbar bevor er zuschlägt, von einem anderen Einheimischen ohne Anlass umgerammt – ein Schlag, und der Typ geht k.o. Keiner hebt ihn auf, keiner wundert sich. Zeit zu gehen.

TAG 10: LANDUNG DAHOAM

Landung in München. Sven und Bene fällt es schwer, die Reise unter all ihren früheren Skitouren einzuordnen. Sie sind bewusst ohne große Erwartungen hingefahren, doch dann hat Kamtschatka jede Erwartung übertroffen. Günstig war es und unberührt, dazu skifahrtechnisch absolut machbar. Klassischer Geheimtipp. Aber eben auch wild und damit nicht ungefährlich. Kurz: alles, was ein Abenteuer braucht.